Ärzte können nicht rechnen

Experte sieht „erschreckende Wissenslücken“ bei Medizinern

Tests mit Medizinern zeigen, dass auch sie sich damit schwertun, statistische Aussagen zum Nutzen oder den Risiken neuer Medikamente richtig zu verstehen. Deswegen werden auch Patienten oft nicht korrekt informiert.

Die Bayer-Aktie schoss am Morgen des 8. Dezembers 2008 in die Höhe. Wesentlicher Grund war die Zuversicht der Börsianer, dass der Gerinnungshemmer Xarelto sich für das Pharma-Unternehmen auszahlen wird. Nach Bayer-Angaben, die sich wiederum auf Medizin-Studien in Kanada stützen, ist der neue Gerinnungshemmer nach Hüft- oder Kniegelenkoperationen etwa doppelt so wirksam wie das gängige Konkurrenzprodukt Enoxaparin des Pharma-Herstellers Sanofi-Aventis.

Doch was schafft die Bayer-Arznei wirklich? Der Studienleiter, Professor Alexander Turpie (McMaster University in Hamilton), hatte in Tests mit insgesamt über 12 700 Patienten Folgendes ermitteln können: Das Risiko, in den ersten Wochen nach dem Einsetzen eines künstlichen Gelenks entweder Blutgerinnsel in den tiefen Beinvenen zu entwickeln, eine nicht-tödliche Lungenembolie zu erleiden oder gar zu sterben, betrug bei einer Therapie mit Enoxaparin etwa ein Prozent. Wurde der Xarelto-Wirkstoff verabreicht, lag das Risiko bei einem halben Prozent – in der Tat also bei der Hälfte.

Doch in absoluten Zahlen ausgedrückt liest sich das Ganze schon weniger spektakulär: Von den 6200 mit Enoxaparin Behandelten zeigten sich bei 60 Patienten die erwähnten unseligen Folgen – im Vergleich zu lediglich 29 von 6183 mit dem Xarelto-Wirkstoff Therapierten. Es geht also letztlich um etwa 30 von über 6000 Patienten, denen das neue Mittel zusätzlich helfen konnte.

Absolute Zahlen wie diese sollten Ärzte klar vor Augen haben, wenn sie Menschen Arzneimittel verschreiben und dabei Nutzen und Risiken abwägen müssen. Wie fatal es nämlich enden kann, wenn statistische Aussagen über Medikamente missverstanden werden, zeigt ein besonders folgenschweres Beispiel.

Im Oktober 1995 gab das britische Komitee für Arzneisicherheit eine Warnung heraus. Danach verdoppelte eine neue Sorte von Anti-Baby-Pillen (sogenannte „dritte Generation“) das Risiko, dass sich in den Beinen oder Lungen der betreffenden Frauen lebensgefährliche Blutgerinnsel bilden könnten.

Das Komitee warnte also vor einem um 100 Prozent höheren Risiko – was sehr schlimm klingt. Und es tat dies in einer 190 000-fach gedruckten Broschüre, die unter anderem in Arzt-Praxen und Apotheken auslag. Außerdem alarmierte das Komitee die Medien.

Die Folge: große Angst bei vielen Frauen. Zigtausende setzten die Pille ab, woraufhin etliche von ihnen ungewollt schwanger wurden – allein rund achthundert unter 16-jährige Mädchen. Viel schlimmer: Die ausgelöste Gerinnsel-Furcht führte allein im Folgejahr 1996 zu geschätzten 13 000 zusätzlichen Abtreibungen in England und Wales – ein sprunghafter Anstieg gegen den bis dahin herrschenden Abwärtstrend. Und die Zahl der Aborte stieg noch Jahre weiter deutlich.

Wie groß war das Blutpfropfrisiko wirklich? Die so alarmierend klingende Studie hatte gezeigt, dass von jeweils 7000 Frauen, die eine Verhütungspille älteren Typs einnahmen, ungefähr eine Frau an Thrombose erkrankte, also Blutgerinnsel in ihren Venen entwickelte. Diese verschließen die Gefäße allmählich, können sich aber auch lösen und an einer kritischen Stelle – etwa in der Lunge oder im Hirn – den Blutfluss abrupt blockieren.

Relative Zahlen verwirren
Derselben Studie zufolge zogen die neuen Verhütungspillen statt bei einer nun bei etwa zwei von jeweils 7000 Frauen ein Thromboserisiko nach sich. Zwei Fälle statt einem: Das also war die schockierende Steigerung um 100 Prozent.

Selbst klugen und gebildeten Menschen fällt es schwer, statistische Zusammenhänge korrekt zu erfassen – umso mehr, wenn diese unverständlich präsentiert werden. Oft zum Beispiel werden in der Medizin-Reklame relative Veränderungen statt absoluter angegeben. Dann heißt es etwa, eine neue Arznei schütze um 33 Prozent besser vor einer Krankheit als bisherige Medikamente.

Doch wie viele Menschen ganz konkret profitieren davon wirklich? Das soll offenbar in etlichen Fällen lieber nicht so deutlich werden. Pharma-Hersteller vernebeln gerne die Relevanz eines neuen Wirkstoffs – gerade gegenüber Ärzten. Und darunter haben dann auch falsch informierte Patienten zu leiden.

Fünf deutsche und US-amerikanischen Psychologen und Ärzten haben kürzlich in einem Fachaufsatz eine Reihe von verbreiteten Missverständnissen aus dem Bereich der Medizinstatistik aufgeführt und ihr Zustandekommen erklärt.

Zu den Autoren gehört Professor Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Der 61-Jährige leitet dort den Fachbereich „Adaptives Verhalten und Kognition“ und hat selber in den vergangenen Jahren tausend Frauenärzte in Fragen der Risiko-Kommunikation fortgebildet. Dabei ist er auf erschreckende Wissenslücken in Sachen Statistik gestoßen.

Für den Psychologen haben diese „damit zu tun, dass in der Schule die Mathematik der Sicherheit gelehrt wird, nicht aber die der Unsicherheit“. Im Unterricht lernt man „Geometrie, Trigonometrie, Algebra und andere Dinge, die nur wenige von uns im Leben nach der Schule gebrauchen können“. Doch den nützlichsten Teil der Rechenkunst „lernt man kaum in Deutschland – wenn überhaupt, dann noch in der letzten Klasse ein wenig, und das von Lehrern, die das selber meistens nicht verstehen“, sagt der Psychologe. „Man bereitet die jungen Menschen nicht auf eine moderne, technologische Welt vor, in der man mit Risiken umgehen können sollte.“

Und in der Medizin? „Da ist es ungefähr genauso schlecht“, befindet Gigerenzer. Es gebe in der deutschen Ärzte-Ausbildung „kein effizientes Training in Risikokommunikation – und ich weiß es auch von keinem anderen Land“. Er bezeichnet diesen Kenntnismangel als „riesengroßes Problem, das die Medizinerausbildung weitgehend nicht erkennt“.

Eine zweite Wurzel des Problems sei die Umständlichkeit, mit der statistische Aussagen getroffen werden. „Es sollte ein ethisches Grundprinzip jedes Gesundheitssystems sein, Information transparent zu vermitteln“, sagt Gigerenzer – „und transparent heißt eben zum Beispiel, dass man nicht von einer 50-prozentigen Zunahme eines Risikos spricht, unter der die Leute alles Mögliche verstehen.“ Besser sei es, ein steigendes Risiko in absoluten Zahlen auszudrücken – etwa so: Statt zehn von 100 Menschen wie bisher können mit einem neuen Medikament jetzt 15 von 100 gerettet werden.

„Statistisches Denken lehren“
Solche absoluten Veränderungen seien leichter zu begreifen. „Man weiß aus vielen Untersuchungen, dass Menschen relative Risiken meistens nicht verstehen“, sagt Gigerenzer. Dennoch werde in der Risikokommunikation weiter damit gearbeitet. In Werbeanzeigen für Arzneien oder Behandlungen würden relative Risiken „sogar ganz bewusst verwendet, um die Leute in die Irre zu führen“.

Um die Leser statistischer Aussagen kundiger zu machen, schlägt Gigerenzer vor, schon in den Grundschulen gegenzusteuern. „Genauso wie man lesen und schreiben lernt, so muss man statistisches Denken lernen.“ Es sei „unverantwortlich, dass das nicht gelehrt wird“.

Mannheimer Morgen
06. Februar 2009

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